Mein Herz – bist du noch da?

Es ist für mich ein besonderer Tag. Heute, vor acht Jahren heiratete ich mein „Bahnsteigblitzlicht“ und erinnere mich gerne an unsere minimalistische Hochzeitsfeier im kleinstmöglichen Kreis der Familie.

Die spontane Entscheidung zur Eheschließung, dessen Bekanntgabe und komplizierte Familienverhältnisse führten zu dieser kleinen Runde. Zwischen dem Heiratsantrag und der standesamtlichen Trauung lagen gerade mal dreizehn Tage.

Dieses knappe Zeitfenster steht für unsere gesamte Beziehung, denn alles was uns verbindet, entstand aus leidenschaftlichen und emotionalen Strömungen, welche wir im Zeitraffer-Modus umsetzten. Bereits nach neun aufregenden Monaten Zweisamkeit kündigte sich unser erster gemeinsamer Sohn an. In den Monaten der Schwangerschaft finanzierten wir das Fleckchen Erde, auf dem heute unser Häuschen steht.

Mit dem kleinen Engel auf dem Arm feierten wir das Richtfest und mit dem Einzug ins neue Heim wuchs unser Jüngster unter meinem Herzen heran. Die Zahl neun prägte unsere Lebensabschnitte, denn zwischen der Geburt meines dritten und der Schwangerschaft meines vierten Kindes lagen weitere neun Monate. Meine biologische Uhr tickte und unser Plan, meine letzte Geburt vor der vierten Null abgeschlossen zu haben, ging auf.

Zurückblickend könnte man unsere ersten Jahre mit einem Würfelbecher vergleichen. Unsere beider Leben wurden von Herz geführten Ereignissen durchgeschüttelt und mit jedem Wurf neu aufgestellt, sortiert und gemeistert. Stolz darf ich heute behaupten, das wir im sicheren Hafen angekommen sind. Unsere partnerschaftliche Beziehung verlief nie rational und ich glaube auch das sich das nicht ändern wird.

Alle Gefühle, die eine derartige Liebe mit sich bringen kann, kennen wir beide nur zu gut. Leidenschaftliche Hingabe, quälende Eifersucht, aufkommende Zweifel, tiefgehende Gespräche bis zur Erschöpfung, Beziehungspausen, in denen jeder auf den anderen wartete und das ersehnte wieder zueinander finden.

Unsere gegenseitige Liebe forderte uns heraus und wir bewiesen uns in den letzten Jahren ein gegenseitiges, „echtes Durchhaltevermögen“. Solange in unseren Herzen noch ein Funke von Gefühl vor sich hin glimmt, werden wir immer wieder in der Lage sein, erneut das Feuer zu entfachen. Und nur diese unermüdliche Bereitschaft, tatsächlich um uns zu kämpfen, führte zur heutigen Harmonie.

Und trotzdem bin ich davon überzeugt, das es auch bei uns immer wieder Mal im Karton rappeln wird. Das gehört dazu – sonst wären es nicht WIR!

Wir müssen uns nur immer wieder die Frage stellen:

Herz – bist du noch da und schlägt es noch für dich und mich?

Sollte sich der Puls hin und wieder dem Einschlafrhythmus annähern, ist es an der Zeit, das Blut des Gegenübers wieder in Wallung zu bringen. Es liegt einzig und allein an uns, wie es weitergehen wird.

Dir, meinem Ehemann,

möchte ich sagen, das ich mich gerne an deinen zwanglosen Heiratsantrag erinnere und ich diesen, auch nach acht Jahren, wieder mit einem JA beantworten würde, denn ich bereue keinen einzigen Tag unseres gemeinsamen Lebens und würde wieder mit dir durch Himmel und Hölle gehen, denn das hat uns zu dem gemacht, was wir heute sind.

Ein etwas verrücktes Paar mit einer Vielzahl an Macken, die es heißt zu lieben und zu akzeptieren, wenn uns dies auch nicht immer leicht fällt.

Ich freue mich auf viele weitere Erlebnisse mit dir!

Die zweite Nachricht schicke ich an einem, uns noch unbekannten Ort und bevor ich die kommenden Zeilen schreibe, grabe ich tief liegende Emotionen hervor, denn es handelt sich um eine fest verschlossene Schublade meiner Beziehungswelt.

In dieser Schublade befindet sich eine geschwisterliche Beziehungsgeschichte.

Ich weiß, das es jetzt zu spät ist, denn das Herz meiner Schwester schlug heute vor ein paar Jahren zum letzten Mal.

Unser Verhältnis war immer sehr kompliziert und wir beide waren nicht in der Lage eine offene und ehrliche Beziehung zueinander aufzubauen.

Ich nutzte die Möglichkeit nicht, sie ein letztes Mal im Hospiz zu besuchen. Zu frisch und zu tief waren die Wunden, welche wir uns gegenseitig zufügten.

Mit ihrem Abschied an unserem Hochzeitstag wurde ein „DENK AN MICH-Zettel“ in mein Gedächtnis gelegt.

Und wenn ich dir, meiner großen Schwester noch etwas sagen könnte, wären es folgende Gedanken und Fragen, die ich mir stelle:

Mein Herz – bist du da?

Schlägt mein Herz noch für dich? Hat es jemals um dich gebangt? Hat es mit dir gelitten? Hat es sich mit dir gefreut?

Ja. Mein Herz schlug immer für dich, denn du warst mein leibhaftiges, anerzogenes Vorbild, zu der ich immer aufschauen durfte. Nicht umsonst gibt es Erzählungen von mir, wie ich im Alter von zwei Jahren durchs Zimmer hüpfte und zig Mal dein Lieblingslied „Butterfly“ mit klein kindlicher Freude nachträllerte. Ich wollte lange Zeit so sein, wie du, doch standst du für mich auf einem unerreichbaren Sockel und leider ließen sich auch später unsere beider Leben niemals wirklich zusammenfügen.

Die Tatsache, das ich mich an keinen einzigen, angenehmen und uns verbindenden Augenblick zurückerinnern kann, stimmt mich so unendlich traurig, denn wir hörten irgendwann auf, uns gegenseitig zu schätzen und unternahmen nichts, was diesen Umstand verändern könnte.

Dein Abschied veranlasste mich, meine alljährlichen Geburtstage intensiv und in großen Runden zu feiern, weil es mir aufzeigte, wie schnell doch alles vorbei sein kann.

Du bist mein Antrieb, diese Texte zu schreiben. Nicht nur, um mich selbst ein Stück weit zu verwirklichen und zu verewigen, sondern weil ich glaube, das manche Leser ein wenig für ihr Leben mitnehmen können.

Vielleicht sind wir alle mit unseren Verstorbenen auf geheimnisvolle Art und Weise verbunden. Niemand könnte es beweisen, wenn es so wäre. Wir alle wissen es erst, wenn wir selbst gehen dürfen. Bis dahin können wir daran glauben, wenn wir es wollen.

Du selbst hast mir nach dem Ableben unserer Mutter gesagt, das wir auch über den Tod hinaus mit unseren Lieben Frieden schließen können und uns gegenseitig über andere Wege verzeihen können.

Wenn mein Gedächtnis auch so manch schmerzliche Erfahrung mit dir nicht löschen kann, so wünsche ich dir von ganzen Herzen, das du fliegen darfst.

Ich wünsche dir die Erfüllung all deiner Seelenträume, welche du im hiesigen Leben unter dem Schleier der Perfektion zurück hieltst. Ich wünsche dir Licht und Liebe – dort wo du jetzt sein darfst.

Mein großer Engel, der du nicht weißt, wie ich wirklich für dich fühlte…

Fliege…

…vielleicht sehen wir uns irgendwann einmal wieder und vielleicht können wir uns dann, an diesem unbekannten Ort, auch in die Arme schließen.

Deine kleine Schwester, die dich nicht vergessen wird.