Halloween – Zwischen den Welten

Seit einigen Tagen gibt es bei meinen Kindern kein anderes Thema mehr.

„Mama, welches Kostüm darf ich dieses Jahr tragen? Und warum hat mein Bruder jetzt wieder die coole Maske? Ich dachte, ich bin dieses Jahr damit dran!“, tönt es von unserem gerade umgeräumten Dachboden herunter.

Meine Kinder wühlten sich durch unsere Verkleidungskiste, um das passende Outfit für diesen lang ersehnten Tag zu finden und zogen lange Gesichter, weil der Inhalt dieser Kiste ihrer Meinung nach, mittlerweile ziemlich uncool sei.

Auf die weitere Frage, ob ich sie auch in diesem Jahr wieder schminken würde, erwiderte ich traurig, das es dieses Mal anders ablaufen wird, als sonst.

„Mama, warum laufen dir die Tränen runter? Bist du traurig?“ fragte mein Engel. „Ja. Sehr. Ich bin wirklich sehr traurig!“

Ich erklärte ihnen heute morgen, was mit mir los ist und das mir eigentlich gar nicht nach Halloween feiern zumute ist. Viel lieber würde ich das Haus verrammeln und meine Ruhe haben wollen.

„Aber Mama – warum denn? Wir sind doch immer um die Häuser gezogen? Oder hast du keine Lust dazu?“

Daraufhin versuchte ich ihnen etwas zu erklären:

Wisst ihr…

früher hielt ich von dem Fest Halloween nicht allzuviel. Ich fand es nicht nur schade, das der eigentliche Reformationsfeiertag von Jahr zu Jahr, mehr und mehr in den Hintergrund geraten ist, sondern konnte auch allgemein nichts daran finden, von Haus zu Haus zu gehen und mit den verschiedensten Sprüchen nach Süßigkeiten zu bitten und gleichzeitig mit Saurem zu drohen.

Doch als wir damals hierher zogen, lernte ich dieses Fest von einer anderen Seite kennen.

Ein guter Freund von uns liebte und lebte diesen Feiertag auf eine ganz besondere Art und Weise. Er richtete sich mit seiner Familie, manchmal sogar schon Wochen vorher, auf dieses Event ein.

Vor seinem wundervoll geschmückten Haus standen immer ganze Trauben von Eltern mit ihren Kindern, deren Augen nur so strahlten. Denn diese große Familie schloss sich am Abend des Halloween zu einer Gruppe von Hexen, Geistern und Geschöpfen mit gruseligen Masken zusammen, hinter denen jedoch unglaublich liebevolle Persönlichkeiten steckten und denen es am Herzen lag, anderen eine Freude zu bereiten.

Und ich möchte fast behaupten, dass durch ihn und seine Familie eine Art Halloween-Welle über unseren Ort schwappte, denn mit jedem Jahr trafen sich weitere Familien auf den Straßen, die vor offenen Feuerschalen standen und gemeinsam mit ihren lieben Nachbarn und Freunden heiße Getränke zu sich nahmen und freudestrahlend alle kleinen Geister begrüßten, beschenkten und diesen Abend bei Wind und Wetter draußen verbrachten.

Von Jahr zu Jahr wuchs diese Geisterschar und heute reisen sie sogar von umliegenden Orten an, weil es in unserer Gegend so stimmungsvoll zugeht und die Kinder ihren Spaß haben dürfen, denn die meisten unserer Einwohner sind diesem Spektakel gegenüber positiv gestimmt. Sie nutzen den Tag nicht nur für die Ausgabe von Süßigkeiten, sondern mittlerweile auch für selbst gebastelte Überraschungen, Bücher oder manchmal auch kleinere Spielzeuge. Alles in allem hat es sich zu einem wunderschönen Kinderfest entwickelt, welches ich bisher nicht mehr missen wollte…

„Genau Mama. Und deswegen können wir doch auch losziehen. Du magst es doch!“, bat mich mein Großer.

Ja. Ich mag dieses Fest sehr und dennoch kann ich übermorgen nicht mit euch gehen. Denn ein Halloween ohne unseren Freund ist kein Halloween, wie ich es durch ihn kennenlernen durfte.

„Oh Mama – er fehlt mir auch so sehr!“, sagte mein Jüngster schniefend.

Ja – mein Kleiner. Er wird in diesem Jahr, neben seiner geliebten Familie, noch vielen anderen Freunden fehlen.

Und mir persönlich wurde in den vergangenen Tagen ganz besonders bewusst, das wir uns in letzter Zeit viel zu wenig sahen und keine Möglichkeiten nutzten, sondern jeder seinem Alltag hinterher hechelte. Und das ist sehr, sehr traurig und schmerzt am meisten.

Er wird nie wieder überraschend vor unserer Haustür stehen, nur um einfach mal zu fragen, wie es uns denn so geht und wir feiern nicht mehr im selben Jahr den nächsten runden Geburtstag.

Ich schloss ihn mit dem ersten Tag in mein Herz und mein Mann und unsere Kinder liebten ihn. Er begrüßte mich damals als erster mit offenen Armen, denn ihm waren unsere Umstände und das Gerede der Leute egal.

Er vermittelte mir mit seiner unverblümten und ehrlichen Art, was innere Werte bedeuten und wie armselig es ist, wenn sich in dem coolen Fahrzeug und hinter dem schicken Anzug ein Arschloch befindet.

Er hat uns allein durch seine Gegenwart bereichert und mit seiner lustigen Art erheitert und ganz nebenbei viele Wege bereit gestellt, über welche wir täglich gehen dürfen.

 

Lieber Herzensmensch!

Mit jedem Schritt werden wir an dich denken und in jedem Stein unserer Grundstücksgrenze hältst du uns fest.

Wir vergessen dich nicht!

 

Und wenn ich auch in diesem Jahr nicht über die Straßen geistern werde, so hoffe ich das wir uns irgendwann an einem mir noch unbekannten Ort wiedersehen werden. Bis zu diesem Moment versuche ich Halloween aus der Sicht der Kelten zu betrachten…

 

Auszug aus dem Internet:

Kelten: „Grenze zwischen Welten“

Die Kelten glaubten, dass an diesem Abend die „Grenze zwischen den Welten“ offen sei und die Toten auf die Erde zurückkommen, um ihre Verwandten zu besuchen. Mit Lichtern wiesen sie den Geistern der Verstorbenen den Weg.