Einfach hin & weg

Vielleicht hast du meine letzten beiden Beiträge verfolgt und möchtest heute wissen, wie es weiter ging.

Bist du heute das erste Mal bei „mum and more“, empfehle ich dir die beiden ersten Teile (1. Ein einziger Augenblick und 2. Berührt…) zu lesen, um den Zusammenhang zu finden.

Das ausgelöste Gefühlschaos, während der letzten Vertriebstagung konnte ich so einigermaßen sortieren. Verdrängungskünstler, zu denen ich gehöre, haben es einfach drauf, Erkenntnisse und persönliche Erfahrungen wegzuschieben und sich schnellstmöglich mit anderen Aufgaben abzulenken.

Und trotzdem machte sich mein Seelenleben bemerkbar. Tief im Inneren meines Schneckenhauses war ich berührt und überwältigt von den Ereignissen der vergangenen Tage, ertappte ich mich dabei, wie ich mich wieder davon träumte. Fast unbemerkt schlich sich mein Unterbewusstsein in die Realität und winkte mir verzweifelt mit der bunten Fahne von Lebensfreude zu. Dies zu ignorieren fiel mir nicht leicht, gelang mir aber doch. Denn es klingelte der Wecker mit folgender Überraschung:

Ich fuhr mit meinem Sechzehnjährigen auf dem Beifahrersitz zum Einkaufen, als sich mein Tasten-Diensthandy mit dem Klingelton für SMS meldete. Zur damaligen Zeit keine ungewöhnliche Aktion, da mittlerweile sämtliche, dienstlichen kurzen Informationen diesen Weg zum Empfänger fanden. Also bat ich meinen Sohn, mir diese Nachricht vorzulesen.

Er nahm das Telefon aus der Handyhalterung und öffnete die Nachricht. Zuerst vernahm ich nur sein Schweigen, dann plötzlich haut er raus: „Hä? Was will der? Und wer ist das? Und wieso schreibt DER dir so was?“

Ich sah ihn völlig überrascht an und stellte mir im selben Augenblick die Frage, wer mir eine SMS geschrieben haben könnte, dessen Inhalt meinem Sohn sämtliche Gesichtszüge entgleiten ließ. „Wer schreibt denn?“, fragte ich nach.

„Keine Ahnung! Weiß nicht, wie ich den Namen aussprechen soll – liest sich wie Carpaccio. Ist mir auch „wurscht“. Jedenfalls sollte er so etwas nicht schreiben. Läuft da was zwischen dir und ihm?“

Völlig verdutzt und etwas verunsichert bat ich ihn, mir den Text vorzulesen. Die Person, die zu dem Namen gehört, welcher meiner Lieblingsvorspeise ähnelt, konnte nur EINER sein. Den Wortlaut der SMS, den ich durch eine leicht grantige Stimme meines Sohnes vernahm, haute mich innerlich total um.

Äußerlich ließ ich mir nichts anmerken und verharmloste diese Tatsache mit einer kurzen Erklärung, das ich mit dem Absender dieser Nachricht vor wenigen Tagen bei der Veranstaltung tanzte. Und das er sehr nett sei, ich das aber nicht so ernst nehmen werde.

Da ich die SMS sofort löschte, kann ich heute den genauen Wortlaut nur noch sinngemäß wiedergeben. Jedenfalls hat mir vorher noch nie jemand eine derart, romantische Nachricht zukommen lassen. Sinngemäß lässt sich wiederholen, dass er sich wie in der Grundschule fühle, der sich in seine Lehrerin verknallt hätte und einfach von diesen Gedankengängen nicht mehr los kommt und er nicht weiß, wie ihm geschieht…

Wie gesagt – äußerlich wirkte ich cool – jedoch tief in mir drin steppte der Bär! Völlig verwirrt und irgendwie ertappt gefühlt, zog ich kurze Zeit später die Konsequenz und schrieb ihn schweren Herzens meine Antwort auf seine Zeilen.

„Da ich glücklich verheiratet und zufrieden mit meinem Leben bin, möchte ich unsere weitere Kommunikation nur noch auf geschäftlicher Ebene führen, wenn ich auch diese Nachricht sehr charmant finde.“

Hätte ich mein Seelenleben die Antwort überlassen, wären auf seinem Display die Beschreibung meiner Tagträume erschienen. Immer wieder spielte sich nachfolgende Szene vor meinem geistigen Auge ab, so dass ich dieses Bild selbst heute noch vor mir sehe.

Vor mir öffnet sich ein weites Getreidefeld im Licht der untergehenden, sommerlichen Abendsonne. Ich stehe auf diesem Weg und blicke zu dessen Ende, welches sich im Horizont verliert. Plötzlich taucht er auf, nimmt meine Hand und ich sehe uns diesen Weg gemeinsam weitergehen, bis wir an dem linksseitig stehenden, einzigen Baum ankommen, um uns dort im Schatten des Baumes…

Jedes Mal, wenn ich gedanklich an dieser Stelle ankam, rüttelte ich mich wach und ließ den weiteren Verlauf meiner Gedankenwelt nicht zu. „Es darf nicht sein! Du wirst nicht ein weiteres Mal kopflos in diese Richtung losrennen!“ ermahnte ich mich selbst, um mich anschließend zu beruhigen, denn meine gedanklichen Ausflüge gehörten nur mir und NIEMAND wusste etwas davon. Und ER sollte es auch nicht erfahren. Sicherlich werde ich mich bald wieder beruhigen, hoffte ich zutiefst…

Wie wird er reagieren? Wird er meiner Aufforderung folgen, unseren Kontakt auf rein dienstlicher Ebene zu belassen? Wie sieht es eigentlich wirklich mit seiner Gefühlswelt aus? Sieht er mich auch nur als Objekt, an dem man seine Grenzen austesten kann oder ist da doch noch etwas anderes?

Diese Fragen verfolgten mich noch eine Weile. Es blieb jedoch dabei. Wir telefonierten nur bei dienstlichen Bedarf miteinander. Als zentrale Ansprechpartnerin für organisatorische Angelegenheiten gab es allerdings immer wieder den Anlass dazu, etwas zu hinterfragen oder erneut erklären zu lassen. Somit rief er sich mit seiner charmanten Stimme, im wahrsten Sinne des Wortes, hin und wieder in mein Gedächtnis und erinnerte mich an meinen verdrängten Zustand. Die Wochen vergingen und der Alltag holte mich wieder ein und half mir sehr, auf dem Boden der Tatsachen zu bleiben.

Das nächste Treffen der Vertriebskräfte sollte in meiner neuen Heimat stattfinden. Im selben Gebäude, in dessen sich auch mein Büro befand. Ich war sehr froh darüber, während der Tagung nicht anwesend sein zu müssen und die Teammitglieder nur im Hintergrund unterstützen durfte. Dazu gehörte auch der Empfang im Eingangsbereich und das Begleiten zu den jeweiligen Tagungsräumen im Postbank-Tower.

Sie werden nach unten gebeten, um das nächste Team nach oben zu begleiten.“ teilte mir die Stimme des Pförtners mit. Laut meinem Kalender müsste nun das Berliner Team im Eingangsbereich auf seine Abholung warten. „Oh sch…., dann mal los! Und setze das um, was du dir fest vorgenommen hast. Verstanden!?“, dachte ich mir, während ich im Aufzug die Vielzahl an Stockwerken in Richtung abwärts hinter mich brachte.

Die Tür des Aufzuges öffnete sich und mit einem freudigen „Hallo“ wurde ich vom Team begrüßt. Ich scannte sofort, an welcher Stelle er sich in dieser Gruppe befand, drehte mich weg und würdigte ihm keines Blickes, so als wäre er nicht anwesend. Dies war die einzige Möglichkeit, ihm aus dem Weg zu gehen und mich selbst zu schützen. Ich begleitete die Gruppe zum Schulungsraum und sah sie erst zur Mittagspause wieder.

Hier ging ich ihm ebenfalls großräumig aus dem Weg. Eine Bemerkung seines vertrauten Kollegen ließ mich allerdings an jenem Tag aufhorchen, die er mir unter vier Augen am Tresen der Kantine sagte: „Hast du eigentlich gesehen, das er extra für dich im Solarium gewesen ist?“ Am liebsten hätte ich geantwortet, das ich nichts, aber auch gar nichts, was seine Person betrifft, erfahren möchte. Stattdessen lächelte ich nur und verließ die Räumlichkeiten fluchtartig. Eine offizielle Verabschiedung war an diesem Tag nicht vorgesehen, so dass sich unsere Wege, ohne besondere Vorkommnisse wieder für weitere Wochen trennten.

Der Jahreswechsel stand vor der Tür. Ich freute mich riesig auf die gemeinsame Zeit mit meiner damals achtzehnjährigen Tochter, welche seit unserem Umzug, wegen ihres Abi´s in ihrer eigenen, kleinen Wohnung im ehemaligen Wohnort lebte. Vor ihr stand das Abschlussjahr. Endlich durfte ich in diesem Skirurlaub meinen Sohn und meine Tochter wieder um mich scharen. Da die Tochter meines Mannes nicht mitfuhr, durfte der Freund meiner Tochter dabei sein. Dieses Glücksgefühl der Gemeinsamkeit und die Söldener Alpen ließen mich wieder jodelnd den Berg hinunter rasen.

Wir feierten den Heiligen Abend das erste Mal außerhalb des trauten Heims. Eine Erfahrung, welche ich nicht so schnell wiederholen möchte. Bescherung auf einem Hotelzimmerbett – nicht gerade emotional berührend. Trotzdem passte es zu unserer allgemeinen Stimmung. Die Zweisamkeit unserer Ehe ließ schon lange zu Wünschen übrig. Wir funktionierten einfach nur noch in unseren Positionen als Partner, Erziehungsberechtigte und Arbeitskraft. Ein freundschaftliches Miteinander, welches kaum Zeit zum gemeinsamen Austausch fand. Diese Tatsache bemerkten wir erst in Zeiten wie diesen und irgendwie wehrte sich keiner von uns beiden wirklich dagegen. Wir nahmen es einfach stillschweigend hin.

Die Umarmung meiner Großen unter dem Feuerwerk in den Alpen werde ich nie vergessen. Wir wünschten uns beide ein frohes, neues Jahr und stellten gleichzeitig fest, das irgend etwas in der Luft liegt und im kommenden Jahr noch einiges passieren wird. Eine unbeschreibliche Schwingung verband uns wieder in diesem Augenblick. Jenes unsichtbare Band zwischen Mutter und Tochter, welches so kostbar ist!

Auf meinem Diensthandy befand sich unter den Weihnachts- und Neujahrswünschen auch ein neutraler, lieb gemeinter Weihnachtsgruß von ihm. Als ich diesen öffnete, befand ich mich gerade vor der Apre-Skibar. Meine Familie tanzte gerade im Hintergrund zur Partymusik, als mir diese Nachricht auffiel.

Da meldete sie sich wieder…die sehnsüchtige Stimme meines inneren Kindes, welche sich nach Aufmerksamkeit und Liebe sehnte. Vor mir der Anblick, der in die Nachmittagsdämmerung eingetauchten Alpen und in mir ein Aufschrei mit den Worten: „Wenn DU nur wüsstest, wie es wirklich in mir aussieht! Du hast ja gar keine Ahnung…!“

Eine schlichte Antwort, in der ich mich bedankte und dasselbe für ihn und seine Familie wünschte, verließ mein Handy und ließ mich nüchtern zu meiner Familie zurückkehren. Meine Partylaune war plötzlich verflogen.

Ein weiteres Quartal des normalen Lebens verging und die nächste Tagung stand uns bevor. Jene Veranstaltung zeigte uns allen, dass wir im wahren Vertriebsleben angekommen sind. In dem eben nur Leistung, Quoten, Statistiken und Gewinner etwas wert sind. Willkommen in der Welt der klaren Fakten und Zahlen!

Ich durfte meine erste Präsentation vor einem großen Publikum mit mehr oder weniger interessierten Zuhörern zum Thema der trockenen Prozesse halten und erfuhr erst Monate später, was denn letztendlich von meinem Beitrag hängen blieb. An der Tür hätte das Schild hängen müssen:

HIER REGIERT DIE MÄNNERWELT! Mädels – zieht euch warm an!“

Entgegen der Vielzahl von Vorschlägen, gab es zu dieser Veranstaltung keine Party. Waren wir doch noch ein zu kleiner Vertriebskanal, der sich in der Phase des „sich beweisen“ befand. Wir – er und ich – bewiesen uns ebenfalls, das kein persönliches Interesse mehr besteht.

Sein offensichtliches Desinteresse hinterließ in mir tiefere Spuren, als ich dachte. Eigentlich hätte ich doch froh und glücklich darüber sein können, das es so ist, wie es ist. Es wurmte mich und ließ mich grübeln. Noch auf dem Heimweg blieb ich auf dem Seitenstreifen stehen, um ihm eine SMS zu schreiben, für die ich mich nach seiner ausbleibenden Antwort schämte. Plötzlich war mir mein Text peinlich, dass ich gerne noch einmal mit ihm getanzt hätte, es aber leider wegen der fehlenden Party nicht dazu kam…

Betrübt meckerte ich mich an, ob ich denn noch alle Tassen im Schrank hätte und was er eigentlich von mir halten soll. Der denkt bestimmt, das ich spinne…

Dieses kleine Aufbäumen meinerseits ereignete sich im Frühling des Jahres, in der die Fußball-WM in Deutschland stattfinden sollte.

Seht es mir bitte nach, das ich euch für den entscheidenden Lebensabschnitt einen weiteren Beitrag verfassen werde, der bald veröffentlicht wird.

Ich würde mich freuen, wenn du dran bleibst…