Ein einziger Augenblick…

Mein Blick auf die Uhr verriet mir, wie knapp ich mal wieder mein Zeitfenster geplant hatte. Nur noch zehn Minuten bis zur Abfahrt des ICE nach Frankfurt und ich saß noch immer in meinem Auto auf der Suche nach einem Parkplatz. Im Umkreis des Bahnhofs „Berlin Zoo“ eigentlich auch ein Ding der Unmöglichkeit.

Doch an jenem Morgen wurde ich nahe der Unterführung fündig und eilte zum Bahnhofsgelände, welches zum damaligen Zeitpunkt noch zu einem der Hauptverkehrsknotenpunkte Berlins gehörte. Der Berliner Hauptbahnhof sollte erst ein Jahr später eröffnet werden.

Mein Handgepäck hinter mir her ziehend schob ich mich durch die morgendlichen Menschenmassen der Eingangshalle in Richtung Aufgang zum Bahngleis, als mein Diensthandy klingelte. „Wo sind Sie denn?“, hörte ich eine etwas beunruhigt klingende Männerstimme fragen.

„Ich bin bereits auf dem Weg nach oben…bin gleich da…“ antwortete ich entspannt, da mir diese Situationen nicht fremd sind. Bin ich doch dafür bekannt, immer auf dem letzten Drücker irgendwo zu erscheinen, welche Eigenschaft in meinem Umfeld mit Sicherheit das eine oder andere Mal weniger positiv aufgenommen wird.

„Ich sehe Sie nicht…jeden Moment kommt der Zug…und Sie haben unsere Tickets!“, klang es wieder aus meinem Telefon, währenddessen ich, mit Handy am Ohr, den Treppenaufgang hinauf stieg, die Vielzahl an Reisenden scannte, um den einen Herren zu finden, der gerade mit mir telefonierte.

Die Mai-Sonne schien durch die alten Fenster der Bahnhofsüberdachung, als ich die mittlerweile leicht gestresst wirkende Stimme meines Gesprächspartners vernahm, der hier irgendwo auf dem Gleis wartete: „Ich kann Sie nicht finden, ich stehe hier in der Nähe vom Treppenaufgang. Wo sind Sie?!“

„Ich stehe hier … direkt neben der Treppe…“ hörte ich mich antworten. Gleichzeitig öffnete sich vor mir, ähnlich einer Bühne ein Vorhang aus Passanten zur Seite und ich entdeckte direkt vor mir einen smarten Typen, der sich gerade seine Sonnenbrille über die Stirn schob, während sein schwarzer Ledermantel lässig über seinem linken Unterarm hing. Er drehte sich zu mir um. Geblendet vom Sonnenlicht sah er mich an und sagte erleichtert lächelnd: „Da sind sie ja. Endlich! Wir hatten schon Angst, unsere Schulung in Frankfurt zu verpassen.“ schmunzelnd fügte er hinzu: „Dann können wir ja jetzt auflegen…“

Innerlich entzückt vom Anblick dieses sportlichen Typen, mit hochgestelltem Hemdkragen und enger Jeans, steckte ich mein Handy weg. Ich sah ihn noch immer an und fühlte mich gefangen in jenem Augenblick. Für einen kurzen Moment meines morgendlichen Arbeitstag blieb die Zeit für mich einfach nur stehen.

Und gleichzeitig schoss mir der Gedanke durch den Kopf, das ich mich schnellstmöglich auf den Heimweg begeben sollte. Am besten bin ich einfach krank und sage, es sei mir urplötzlich übel. Die Anreise könnte dieses Mal doch auch ohne mich angetreten werden, denn mein Bauch teilte mir unmissverständlich mit, das ich mich in eine unerwünschte, von mir nicht geplante Lage bringen könnte, wenn ich mich weiterhin in der Nähe dieses neuen Arbeitskollegen aufhalten würde.

Mein, vom Verstand gesteuertes ICH rüttelte mich wach und erinnerte mich an meinen heutigen Auftrag, jenen Teil des neuen Vertriebsteams nach Frankfurt zu begleiten und meinen gebuchten Seminarplatz zu belegen. Die beiden anderen Teammitglieder fielen mir erst jetzt auf. Sie standen ganz in der Nähe dieser, sich immer noch direkt vor mir befindenden „Sahneschnitte“.

Zügig stiegen wir in den zwischenzeitlich eingefahrenen ICE, belegten unsere reservierten Sitzplätze in einem sechs Personen Abteil, während mein Innenleben noch mit den Nachwehen des ersten Aufeinandertreffens kämpfte.

Und schon überrollte mich die nächste Welle, denn „Schnittchen“ setzte sich direkt neben mich, so dass ich jetzt auch noch seinen angenehmen Duft wahrnehmen durfte. Gedanklich klopfte ich mir immer wieder an die Stirn und sah während unserer Gruppenunterhaltung aus dem Fenster, um mich daran zu erinnern, das ich eine glücklich verheiratete Ehefrau bin, die in den nächsten Wochen gemeinsam mit ihrem Mann ins Ruhrgebiet umziehen wird. Es soll ein neuer Lebensabschnitt unserer Ehe beginnen, in der wir uns beide wieder einmal beruflich weiterentwickeln werden. Seit Jahren verfolgte ich mein Ziel, die versäumten Bildungsabschnitte, wegen früher Schwangerschaft und Kindererziehung nachzuholen. Nun standen alle Signale für dessen Umsetzung auf grün.

Jene Gedanken beendend nahm ich wieder an unserer Unterhaltung teil und hörte aufmerksam zu, wie uns mein Platznachbar vom Hausbau und seiner entzückenden Tochter erzählte. Diese Tatsachen bestärkten meine Gedankengänge und ich hörte abermals meine innere Stimme, welche mir klar und deutlich mitteilte, das dies hier NICHT MEINE BAUSTELLE ist!

Mit gekühltem Köpfchen führte ich meine organisatorischen und repräsentativen Aufgaben aus, erklärte weitere Abläufe und bezog mit unseren neuen Repäsentanten das Hotel in Frankfurt. Ich durfte in jener Zeit aktiv am Aufbau eines neuen Vertriebskanals mitwirken, was mich unglaublich inspirierte und in mir ungeahnte Energien freisetzte. Mein damaliger Chef ließ mich vertrauensvoll „einfach machen“. Das stärkte mich und gab mir das Gefühl, etwas Wert zu sein und ein nicht unwesentliches Rad im Getriebe zu sein. In dieser Projektphase steckten wir uns gegenseitig mit dieser abenteuerlichen Grundstimmung an. Jeder von uns hatte dieses Leuchten in den Augen. Gespannt warteten wir auf das, was kommen wird und hoffnungsvoll trugen wir unseren persönlichen Anteil zum Gelingen bei.

Die Abende in lockerer Runde nach den jeweiligen Seminaren oder Tagungen durften natürlich nicht fehlen. Ein Team wächst erst zusammen, wenn es sich näher kennen lernt. Das durfte in dieser freien Zeit geschehen und war auch so gewünscht.

Jener bestimmte, erste Abend in der Hotelbar brannte sich in mein Gedächtnis ein. Eigentlich zog ich es bisher vor, die abendlichen Zusammenkünfte eher ausfallen zu lassen oder nahm nur verkürzt daran teil, aber an diesem Abend konnte ich nicht loslassen.

Bereits im Zug fiel mir der trockene Humor dieses einen Kollegen auf und am selben Abend konnte ich mich vor Lachen kaum noch halten. In einer kleinen , gemütlichen Runde unterhielten wir uns angeregt über viele Themen und auch ohne Alkohol wurde es ein lustiger Abend.

Einige Zeit, bevor sich unsere Gruppe auflöste, stellte ich fest, dass ich die anderen Gesprächsteilnehmer unbewusst ausblendete und meine Augen und Ohren nur noch dieser einen Person folgten. Ich fühlte mich unglaublich lebendig, wofür sicherlich unter anderem auch meine Lachmuskeln verantwortlich waren. Trotzdem ist mit mir an diesem, einen Tag etwas passiert, was ich so noch nicht kannte.

Meine Kollegin und ich verabschiedeten uns aus dem netten Gesprächskreis und im Aufzug hörte ich mich, überraschend locker, zu ihr sagen: „Manchmal ist es wirklich besser, einfach nur zügig schlafen zu gehen, sonst könnte das unerwünschte Folgen nach sich ziehen.“

Ihre zustimmenden Äußerungen ließen mich aufhorchen. Ich war wohl nicht die einzige, der es so erging, was mich dazu bewegte, schnell wieder aufzuwachen und in die Realität zurückzukehren. Beim Zähne putzen sah ich mein Spiegelbild an und schämte mich für meine Gedankengänge.

Der morgendliche Blick in den selbigen löste in mir nicht unbedingt eine entspannte Stimmung aus. Im Gegenteil. Plötzlich achtete ich wieder auf Unebenheiten meiner Haut, auf ein perfektes Make-up und auf das Einsetzen meiner Kontaktlinsen und redete dabei laut mit meinem Spiegelbild. „Aha! Du willst mir also gestern noch erzählen, das alles ganz normal ist? Das glaub ich weniger – jawohl! Sieh dich doch mal an – und erinnere dich daran, das du hier und heute beruflich unterwegs bist!“

„Gut aussehen“ unterstützt die innerliche Sicherheit!

Hinter diesem Satz kann man sich auch verstecken.  😉

Zumindest in diesem Fall, denn meine Prio an diesem Morgen lag darin, einen Eindruck zu hinterlassen. Sein Blick im Frühstücksraum, während der Begrüßung,  bestätigte mein innerliches Ego und ich genoss es zugegebenermaßen.

Die folgenden Stunden der Fortbildung verliefen ohne besondere Vorkommnisse und langsam landete ich wieder auf dem Boden der Tatsachen. Auf der Rückreise trafen sich noch einige Male unsere Blicke auf geheimnisvolle, fast schüchterner Art und Weise und als wir mit der Bahn an meinem damaligen Wohnort vorbei fuhren, teilte ich dem Berliner Team meine vor mir liegenden Umzugspläne mit. Eigentlich galt diese Erklärung hauptsächlich mir selbst, um mir meine Situation wiederholt vor Augen zu führen und ganz schnell wieder Abstand zu gewinnen.

Diese schönen Erinnerungen packte ich in meine persönliche Schublade für geheimnisvolle Erlebnisse. Ich beruhigte mein kleines Gefühls-Chaos, in dem ich diese Schublade in der hintersten Ecke meines Kopfes verschloss und mich wieder auf mein eigentliches Leben konzentrierte. Denn schließlich ist ja nichts passiert und niemand, außer meine Kollegin, wusste von meinen kurzzeitigen Schmetterlings-Höhenflüge. Dabei sollte es auch bleiben!

Ich nahm mir das ganz fest vor, hatte ich doch einen anderen Lebensplan und außerdem keinen blassen Schimmer, wie es ihm ergangen ist. Und herausfinden wollte ich dies auf gar keinen Fall!

Denn schließlich war es doch nur EIN EINZIGER AUGENBLICK!

 

An dieser Stelle schließt sich das erste Kapitel…