Schaukel dich frei…

Ich stehe auf meiner Leiter, in der rechten Hand die Bürste, um den zwei Jahre alten Staub vom obersten Deckenboden der Küchenhängeschränke abzukratzen. In der linken Hand die Düse des Staubsaugers, der neben mir auf einer kleineren Leiter parken muss, damit die Schlauchlänge bis nach oben ausreicht. Heute an meinem fünften Urlaubstag steht meine Küche auf dem Arbeitsplan. In der ersten Woche ackern, um mich in der zweiten Woche zu entspannen. So ist der Plan!

Ich weiß ja nicht, wie es euch geht. Bei mir fliegen die Gedanken ab dem Moment los, in dem ich in Bewegung bin. Also auch beim Putzen. Nur dumm, das ich diese Überlegungen nicht zeitgleich aufschreiben kann. Mein Tagesziel des Turboputzens ist jedenfalls für heute erledigt und nun hacke ich das Ergebnis meiner Hirnüberflutung in die Tastatur meines Rechners ein. Meine Männer sind alle beschäftigt und ich nutze diesen Freiraum nun für mich – na ja – irgendwie auch für euch. Je nachdem was ihr damit anfangen könnt. In meinem letzten Beitrag ging es um „Raum schaffen für unsere geliebte Natur“.

Heute geht es mir um die eigenen, wichtigen Freiräume, die keinesfalls vergessen werden dürfen. Ich schaukele mich mit dem Niederschreiben von Gedanken frei. Andere lieben den Sport, das zelebrierende Kochen, kreatives Nähen oder die Kunst. Jeder für sich hat sein eigenes Rezept aus dem Kraft und Energie geschöpft werden kann. Die Zeit dafür muss man sich nehmen! Sie wird dir nicht geschenkt.

Viel zu lange schon hechte ich von einem zum anderen Punkt meiner „to do Liste“. Ob es wirklich jemanden interessiert, das alles erledigt ist, bleibt offen. Meistens bemerken es unsere Lieben erst, wenn irgendetwas anders ist als sonst. Wenn eben mal keine Milch mehr im Kühlschrank steht. Oder die Brötchen wieder einmal hart geworden sind, weil vergessen wurde, sie in eine Tüte zu packen und niemand zum Bäcker gelaufen ist, um neue zu holen.

Dann kommen die Rufe aus der hintersten Ecke: „Oh Mama – ist ja gar keine Milch mehr für meine Flakes da! Was soll ich nun essen?“ Mürrisch, aber dennoch tatkräftig wird sich nach meiner Aufforderung doch noch selbstständig ein Brot oder Ähnliches geschmiert. Ferien-Frühstückszeit war doch gerade erst. Der Hunger wurde jedoch bereits von der herumliegenden, halben Gummibärchentüte gestillt, so das während der morgendlichen Familienmahlzeit nix mehr in den Magen passte. Meine Jüngsten sind jetzt in einem Alter, in dem sie sich gut und gerne auch mal selbst versorgen können. Und da bin ich noch lange keine Rabenmutter, sondern zeige ihnen nur kleinere Konsequenzen auf.

Es dauert eine Weile, bis ich so drauf bin. Man muss mir nur lange genug das Gefühl geben, das meine mütterlichen Aufgaben selbstverständlich sind. Dann kann ich auch anders …Mit diesem Gefühl habe ich also die Küche gesäubert. Die Wut im Bauch kann man fabelhaft in Energie umwandeln und sich beim Schrubben abreagieren. Und ich wette mit euch, das es kaum eine Frau geben wird, die dieses Gefühl nicht kennt.

Jetzt aber zu meiner gerade erwähnten Gedankenflut. Gestern Abend sitze ich auf unserem Sofa und werde aufmerksam, als in einer TV-Werbepause die Internetseite meinspatz.de vorgestellt wurde. Eine wunderbare Seite für alle Mamis oder die es noch werden wollen. Habe mir vorhin mal diesen vielfältigen Internetauftritt angesehen und die Datenschutzrichtlinien durchgelesen. Ich stolpere über § 3 der Allgemeinen Nutzungsbedingungen in dem der Hinweis aufgeführt wird, das diese Website ohne Zustimmung nicht verändert, kopiert, wieder veröffentlicht, übertragen, verbreitet oder gespeichert werden darf. Grundsätzlich völlig in Ordnung und jeder Blogger hat ein ähnliches Impressum auf der eigenen Website.

Ich stelle mir allerdings die Frage, woher Pro Sieben diese unglaublich vielen Informationen, Hinweise, Ratschläge etc. bezogen hat? Genauso wie mein geliebtes chefkoch.de, in dem ich zu gerne stöbere, um das eine oder andere neue Rezept auszuprobieren. Dieses tolle Portal, welches vor Jahren anfangs damit geworben hatte, das doch alle user ihre besten Rezepte einstellen mögen, um für die Allgemeinheit einen wahren Schatz anbieten zu können. Tolle Idee!

Als ich allerdings eines Tages an der Supermarktkasse, die dazugehörige ChefKochZeitschrift erblickte, welche weiterhin käuflich erworben werden kann, fragte ich mich schon, ob denn all die Millionen Beitragenden auch einen Ertrag daraus erzielen durften. Wohl eher nicht.

Wie viele neu erschienenen Fachbücher werden auf Grund anderer Fachbücher umgeschrieben und wieder vermarktet. Wie viele Romane lesen manche Autoren, bevor sie einen neuen eigenen Roman verfassen? Wie viele Restauranttester sind in unserer Welt unterwegs, um neue Ideen für eigene, neue Kreationen zu schaffen? Oder wie viele neue Koch-Battles mit Starköchen werden weiterhin auf den verschiedenen Sendern ausgestrahlt?

Gleichbedeutend sind die Supershows zu neuen Stars, Talenten, Models und wie sie noch so alle heißen. Alles läuft nach dem selben Prinzip. Unglaubliche Mengen an Datenmaterial werden in und mit den Medien gesammelt. Über Menschen, Talente, Eigenarten, Lebensmottos, Aussteiger, Übergewichtige, Sozialfälle, Sportler, Geburten, Großfamilien, Haustiere und und und…

Und in all diesen Sendungen werden die Verlierer rausgepickt. Jene, die sich bewusst oder unbewusst von der Öffentlichkeit verspotten lassen. Auf ihre eigenen Kosten für noch mehr Einschaltquoten der unterschiedlichsten Sender sorgen. Das liegt wohl schon ewig in der Natur des Menschen, sich lustig zu machen. Lachen auf fremde Kosten.

Was ist aus unserem Sport geworden? Werden nur noch die gedopten Kämpfer weiter kommen? Schon in manchen Grundschulwettkämpfen wird nicht darauf geachtet, wie der Sieger beim Crosslauf ins Ziel gekommen ist. Das der Sieger nur den ersten Platz belegen konnte, in dem er andere in uneinsehbaren Ecken umgenietet hat. Im Nachhinein interessiert das Keinen mehr. Der Frust der Weggestoßenen bleibt und die Lehre daraus ist nicht jene, das der wahre Sieger eben der Beste Läufer ist.

Oder auch die Eigenschaft, sich mit fremden Federn zu schmücken. Hier fällt mir eine eigene Geschichte ein.

Ich ging in die 7. Klasse, als ich mit meiner besten Freundin und deren Mutter das theoretische Rezept für Schinkennudeln und Kaiserschmarrn zu unserer anstehenden Klassenfahrt vorbereitete. Jeden Tag sollte ein anderes Team ein Gericht in der Küche der Jugendherberge selbst kochen. Meine Freundin hatte bezüglich des Eiertrennens eine fantastische Idee mitgebracht.

Perfekter Eischnee gelingt dir nur, wenn keine Spuren von Eigelb enthalten sind. Bei sechzig Eiern gestaltet sich das einwandfreie Trennen im Teenageralter doch etwas schwieriger. Also schlug sie vor, immer ein Ei zu trennen und beide Teile sofort in die jeweilige Schüssel umzufüllen. Gesagt, getan. Unser Teamessen war eines der besten aus der Klassenfahrtswoche und wurde nachträglich im Unterricht ausgewertet.

Mein Lehrer lobte in dieser Unterrichtsstunde nur mich für diese tolle Idee und ich hatte nicht den Mumm dazu meine Freundin mit einzubeziehen. Zu köstlich schmeckte das ausgesprochene Lob, welches ich in der damaligen Zeit sehr, sehr selten hörte. Noch heute habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen und habe mich auch nie bei ihr dafür entschuldigt. Unsere Wege trennten sich. Zuerst durch das Verbot ihrer Mutter, mit mir noch weiterhin zu tun haben zu dürfen und später durch verschiedene Bildungswege.

Was möchte ich euch mit meinen heutigen Zeilen mitteilen?

Fairness, Rücksichtsnahme, Wertschätzung, Sports- und Teamgeist und das ehrliche Miteinander.

Alles Wörter, die unglaublich toll und richtig klingen. Und immer wieder in tausenden von Schulungen auf den Flip Charts stehen oder an die Leinwände gestrahlt werden.

Oder stehen am Ende nur lukrative Erfolgschancen, steigenden Umsatzbilanzen und Gewinne auf Kosten anderer im Fokus?

Wir sind hier gefragt. An erster Stelle WIR als Eltern.

Es liegt an uns, den Grundstein für diese lebenswichtigen Grundlagen zu setzen. Es ist zu einfach, es auf andere zu schieben. Auf die Erzieher, die Lehrer, die Ausbilder, die Führungskräfte. Wir sind die ersten im Leben unserer Kinder, die ganz alleine dafür die Verantwortung tragen.

Alles andere lehrt unseren Kindern das Leben.

Hoffentlich schaffen wir es, sie entsprechend darauf vorzubereiten und sie immer wieder aufzuklären über die Machenschaften der äußeren Einflüsse.

Sie sind diejenigen, die später vielleicht Personal führen, in die Politik gehen, sich für den Umweltschutz einsetzen oder sportlich ihr Bestes geben. Oder einfach nur diejenigen, welche liebevolle und ehrliche Mitbürger und Eltern sein werden.