Der 34-Stunden Cocktail

Heute möchte ich euch zu einer unglaublich, inspirierenden Auszeit einladen, welche nur unter bestimmten Voraussetzungen in dieser Art und Weise stattfinden konnte. Und welche auch nur durch die Zusammenstellung der begleitenden Persönlichkeiten zu einem, für mich, einzigartigen Erlebnis werden durfte.

Die vor Monaten entstandene Idee, ein „Frauenwochenende“ in die Tat umzusetzen, wurde Mitte diesen Monats verwirklicht. Reiseziel: Ein Hotel, nah an der Seebrücke in Graal Müritz (Mecklenburg Vorpommern).

Bis zum Abreisetag kannte ich nur eine der Mitreisenden genauer. Sie war diejenige, welche meine bisherigen Zweifel zum Thema „Walken“ in Frage stellte und mit der ich mich häufig für diese Art von Bewegung traf. Warum mein plötzlicher Sinneswandel als aktive Läuferin? Weil keine andere, mir bekannte Aktivität diesen Raum zum regen Austausch bietet. Beim Walken kann ich mich mit Freundinnen ausgiebig, ungestört unterhalten und verbrenne in etwa zwei Drittel der Kalorien, die ich auch beim Joggen verbrauche. Also nahezu perfekt, um beide Lieblingsbeschäftigungen zu vereinen.

Die anderen beiden Damen lernte ich auf verschiedenen Geburtstagsfeiern näher kennen. Alle drei sind humorvolle Energiebündel, liebevolle Mütter und erweckten in mir ein richtig gutes Bauchgefühl für weitere Aktionen.

Ich muss an dieser Stelle gestehen, das ich seit Jahren keine engen freundschaftlichen Beziehungen mehr zugelassen habe. Wie es eben so ist im Leben. Mein Gefäß für schmerzliche Erfahrungen war irgendwann bis zum Rand gefüllt. Es musste geduldig auf den Augenblick warten, bis ich bereit war, den gesamten Inhalt über Bord zu werfen.

Das geplante Wochenende rückte näher und in mir wuchs eine große Freude auf ALLES was da so kommt. Dieses Mal zermartere ich mir nicht im Vorfeld das Hirn. Auf die Frage, ob ich mir vorstellen könne, das es schön werden würde, weil ich die anderen doch gar nicht richtig kennen würde, antwortete ich, das ich alles auf mich zukommen lasse und abwarte.

Allerdings war mir bereits vorher klar, das wir sämtliche Ruhezonen, wie Frühstücksraum und Wellnessbereich aufmischen würden, was sich später bestätigte. Mir gehen gesprächige Personen in Sauna und Ruheräumen tierisch auf die Nerven, wenn ich auf Entspannung gepolt bin, kann mich jedoch, schmunzelnd in die Situation der anderen Seite versetzen, gerade wenn es sich um weibliche Personen handelt.

Kleine Grüppchenbildungen aus dem Weg zu gehen, wenn sich in diesem geschlossenen Raum nur etwa zwanzig Liegen befinden, ist eine nahezu unlösbare Aufgabe. Unserer Erscheinung der x-ten Art musste so mancher Wellnessbesucher in Kauf nehmen oder eben den Mund aufmachen. Nun aber zurück zum Anfang unserer Reise.

Am Nachmittag des letzten Freitags wurde ich von zu Hause abgeholt. Mich überflutete dieses Gefühl von Aufbruch- und Abenteuerstimmung. Mit dem Einsteigen der vierten Person begann meine intensivste Reise – zurück in die Welt – aus der Sicht der Frauen.

Männer können es sehr selten nachvollziehen, wie es Frauen schaffen, ohne Pause, stundenlang im Dauermodus wichtige Inhalte zu besprechen, ohne des Themas müde zu werden. Vorausgesetzt – alle Gesprächsteilnehmerinnen ticken gleich. Und dieses Gefühl breitete sich schon nach kurzer, gemeinsamer Zeit in mir aus.

Es passte einfach alles zusammen. Die erste Kaffeepause, nach wenigen Minuten Autofahrt, begrüßten wir einstimmig. Und dieses Mal fehlten Kommentare wie: „Was du musst schon wieder auf die Toilette? Wir sind doch gerade erst losgefahren!“

Unsere Gesprächsthemen wirbelten im Inneren des Fahrzeugs umher und draußen stürmte der Wind, welcher uns quer über die Autobahn schob. Unsere Fahrerin hatte, wie so oft, alles im Griff. Sie brachte uns sicher an das, von ihr ausgewählte Domizil und wir bezogen, fröhlich schnatternd unser hübsches Appartement in Ostseenähe.

Nachdem wir unser gemeinsam zubereitetes Abendessen verputzt hatten, zogen wir uns in die kleine, gemütliche Sitzecke zurück. Schon an diesem Abend tauschten wir uns über unsere Ziele, Visionen und Ansichten aus. Beeindruckt beobachtete ich uns, wie wir trotz endloser Müdigkeit der zurückliegenden Arbeitswoche bis nach Mitternacht durchhielten um nichts zu verpassen.

Wir schliefen bei geöffnetem Dachflächenfenster. Ich wachte mitten in der Nacht auf, weil meine neben mir liegende Göttin aufsprang, um das Fenster zu schließen. Es schneite nicht nur draußen, sondern auch auf ihr Gesicht und Bettdecke.

Wenn ich mich an fremden Orten befinde, wache ich stets sehr früh auf. Ich schlich mich ins andere Zimmer, um noch ein wenig dem Schneetreiben zuzusehen und über die gestrigen Gesprächsinhalte nachzudenken. Im zehnminütigen Abstand setzte sich eine nach der Anderen im Schlafanzug und mit Bettdecke bewaffnet dazu, um der neu entstandene Unterhaltung anzuknüpfen. Ich fühlte mich wohl und geborgen und es erinnerte mich an weit zurückliegende Momente aus meiner sehr kurzen, unbefangenen Kindheit.

Sämtliche Mahlzeiten wurden von uns mit allen Sinnen genossen, ohne auf irgendwelche Kalorienwerte zu achten. Die winterlichen Strandspaziergänge, die zwei von uns für kleine Fotosafariaktionen nutzten, erweckten in mir eine neue Liebe für die Ostsee im Winterkleid.

Bizzare Eisgebilde, festgefrorene Muscheln, welche mich in die Knie zwangen und mir nasse Stiefel bescherten, laublose Bäume, welche geradezu majestätisch neben den Dünen gen Himmel ragten, der eiskalte Wind, der mir den Kopf frei pustete um Raum für weitere Eindrücke aller Art zu schaffen.

Eindrücke aus dem Aufenthalt in der Therme, in der einige Schwachpunkte meiner Seele ausgeschwitzt oder wegmassiert wurden und mit dem herzerfrischenden, abklatschenden Finale im Rhassoul beendet wurde. Überraschende Ergebnisse aus Gummibärchen Orakel und Göttinnen Spiel bestätigten mir mein gesetztes Ziel und lies mich gedanklich in meine mädchenhafte Lebensphase zurückreisen, in der ich mich mit Jugendfreundinnen über mystische Begebenheiten austauschte.

Meine Tür zu Frauenfreundschaften wurde von mir wieder weit geöffnet und ich hoffe, das ich meine neu gefundenen Freundinnen nicht allzusehr zugetextet habe. Mein nachzuholender Gesprächsbedarf glich einem defektem Wasserhahn, welcher nur mit Kraft zugedreht werden kann.

Liebe Mädels!

Ich möchte euch auf diesem Weg noch etwas mitteilen. Ihr seid euch vielleicht gar nicht dessen bewusst, was ihr in mir bewegt habt. Nehmt mir meine poetische Ausdrucksweise bitte nicht übel. Es sind meine Gefühle, welche ich versuche in Worte zu fassen.

Du, meine erklärte Schokoladen-Göttin, welche mir fürsorglich die Arme öffnete und mir Trost schenkte. In dir sehe ich die personifizierte „Muttererde“, welche für Gerechtigkeit und Mut zum ausgesprochenen Wort steht. (Erde)

Du, welche für mich die Schönheit und den Feingeist verkörpert. Welche meine Leidenschaft zur Fotografie und Kunst teilt und mich ein wenig an die positiven Eigenschaften meiner verstorbenen Schwester erinnert. (Feuer)

Und Du, welche mich mit ihrer klaren Logik und ihrem analytischen Sachverstand anschob, Dinge auch von einer anderen Seite zu betrachten. (Luft, Wind)

Ich möchte mich bei euch ausdrücklich bedanken.

Diese vier Elemente (meines ist das Wasser-siehe Wasserhahn) haben mit dem Fundament von Liebe und Humor, durch hingebungsvolle Bereitschaft für offene, tiefgehende Gesprächen zu dem 34 Stunden Cocktail beigetragen.

Aus dem wir diverse weise Erkenntnisse, klare Aussagen und eine unglaubliche Menge an Material für sämtliche Lachmuskeln schöpfen durften. Und im Gegensatz zu alkoholischen Cocktails wurde ich nicht benebelt, sondern mit Frauenpower und Lebensfreude beschenkt.

Dieser 34 Stunden Cocktail erweiterte meinen allumfassenden, positiven Blick auf das Leben und gab mir neue Bereitschaft zum Verzeihen. Ich wünsche jeder Frau und Mama ein solches Erlebnis zum Auftanken.

Warum eigentlich 34 Stunden? Weil wir es tatsächlich geschafft haben, 34 Stunden mit wertvollen Gesprächsinhalten zu füllen. Ich habe es mal zusammengerechnet. 😉

Während der Heimreise erhielt ich dann noch die positive Antwort meiner Tochter (zu meinem Beitrag vom 12. März 2018) welche mein Glücksgefühl explodieren ließ und die Erlebnisse der letzten Tage abrundete.

Nun liegt es an mir, dieses Gefühl von Lebensfreude in mir zu konservieren, denn der Alltag hat mich wieder fest im Griff. Um so mehr freue mich auf die bevorstehende Ferienzeit, in der ich auch Urlaub haben darf.