Kamikaze – Höhenflug auf der Piste

„…Wie cool! „Waldoma“ passt auf die Kinder auf! Sie verbringt mit ihnen die Mittagspause auf der Hütte. Los! Lass und mal wieder die „Piste fliegen„, ohne Kinder geht das jetzt perfekt!“, sagte ich zu meinem Partner neben einer Bergstation im italienischen Alta Badia Tal der Dolomiten.

Meine ersten Skitage in diesem Wahnsinns Skigebiet!

Eigentlich bin ich bis dato ausschließlich in Österreich Ski gefahren. Da mein Vater seine Urlaubzeiten häufig Sommer, wie Winter in Gröden verbrachte und er seine geplante Idee von gemeinsamen, familiären Skitagen in den Bergen umsetzte, durfte ich es endlich kennenlernen. Das war zu Ostern vor 21 Jahren. Meine ersten beiden Kinder besuchten zum ersten Mal den Skikurs und ich bin glücklich darüber, das diese Leidenschaft bis heute in ihnen brennt. Nur eben nicht auf zwei Brettern, sondern eher für´s Snowboarden.

An diesem Tag wusste ich noch nicht, das dies für die kommenden fünfzehn Jahre der letzte Skiurlaub in Italien werden sollte. Die Monate März und Anfang April kann ich jedem empfehlen, der seine Kinder zum ersten Mal auf die Bretter stellen möchte, da die Temperaturen sehr angenehm sind und sich die Schneeverhältnisse in den letzten Jahren geändert haben. Heute hast du in Italien im Frühjahr oft mehr Schnee, als um den Jahreswechsel herum. Kinder, welche auf der Piste frieren müssen, weil ihnen der eiskalte Januarwind entgegen bläst, haben selten Freude an ihren ersten Fahrversuchen. Bevor ich gleich zum eigentlichen Thema, dem „Piste-Fliegen“ komme, möchte ich kurz auf die mich umgebene Landschaft eingehen.

Du stehst dort oben auf dem Gipfel, blickst in einen herrlich klaren, blauen Himmel, der dir die endlose Weite über die italienisch-österreichischen Alpen eröffnet. Die Frühjahrsonne wärmt dein Gesicht, während du deinen Jagertee oder Ähnliches zu dir nimmst und alle um dich herum stattfinden Geräusche kommen nur gedämpft bei dir an, weil die watteweiche Schneedecke alles Laute verschluckt.

Wenn ich in den Bergen sein darf oder mich in einem Flugzeug befinde, regt sich wieder mein Bewusstsein, wie unscheinbar und klein wir Menschen doch sind. Und wie kurzlebig unsere Zeit auf Erden ist. Denn all die Natur, welche uns umgibt ist schon viel länger hier, als wir, die sich einbilden, alles im Griff zu haben. Dort oben stand ich also, voller Energie und mächtiger Laune aufs Runterfahren.

Mein Mann und alle meine Kinder amüsieren sich jedes Mal, wenn ich wieder jodelnd den Berg runterflitze, aber ich kann nicht anders. Es überkommt mich jedes Mal aufs Neue und ließ mich auch an jenem Tag sämtliches Gefühl von Rücksichtnahme und vorausschauendem Fahren vergessen.

Zu groß war die Freude darüber, das ich endlich frei, ohne Anhängsel fahren darf. Mein Vater, der mir die richtige Skitechnik und Körperhaltung beigebracht hatte, gab es irgendwann auf.

„Du sollst schön und sauber fahren! Schulter zurück! Wo ist wieder dein Stockeinsatz? Achte auf die richtige Belastung von Berg- und Talski!“ höre ich ihn heute noch rufen.

Mit Tränen in den Augen möchte ich dir heute sagen, wie dankbar ich dir für all die schönen Bergtouren bin, welche ich in meiner Kindheit mit dir erleben durfte. Auch wenn es mich manchmal nervte, das es nichts anderes, als Berge für dich gab, um so mehr kann ich heute deinen damaligen Drang und die Liebe zu den Bergen verstehen.

„Lass mich bitte meinen Stil fahren, ich will es jetzt genießen! Ok?“, bat ich ihn an diesem Mittag, kurz bevor er Kopf nickend als Erster los fuhr.

Vogelfrei stieß ich mich mit meinen Stöcken ab, fuhr Schuss in Richtung Tal und schwang mich von Pisten- zu Pistenabsatz. Mit dem Wind zu fahren, die eigenen Grenzen auszutesten, sich die Hänge hinab zu stürzen – das ist meine Welt!

Ich muss dazu sagen, das die Schneeverhältnisse im damaligen Frühjahr, vor einundzwanzig Jahren, katastrophal gewesen sind.

Das heißt, daß wir alle auf grau-weißen Bahnen fuhren, die sich durch die braune Landschaft schlängelten. Nur noch die kläglichen Reste des Kunstschnee sind übrig geblieben. Keine megamäßig breiten Abfahrten, auf denen du problemlos in deinem eigenen Tempo abfahren kannst.

Im Schnellflug raste ich den Berg hinab. Ein Schneepflug wäre wohl besser gewesen, denn ich missachtete eine der wichtigsten Pistenregeln. Vor jedem neuen, nicht einsehbaren Abfahrtsabschnitt sollte ich mein Tempo verlangsamen, um die sich dahinter befindenden Personen zu erkennen und großräumig umfahren zu können.

Ich war einerseits zu schnell und habe nicht bedacht, das sich tatsächlich hinter dem vor mir auftauchenden Hügel jemand befinden könnte. Ich schoss also über diesen Hügel hinweg, ohne vor dem nächsten Pistenansatz zu stoppen und fuhr geradeaus auf eine, sich bückende Skifahrerin zu.

Sie musste wohl vor Kurzem gestürzt sein und hatte genug mit sich selbst zu tun, um sich auf diesem Steilstück aufzurichten. Ich holte linksseitig zum rechten Schwung aus, sah sie, registrierte gleichzeitig den linken, sehr schmalen Streifen Schnee, welcher nach einem halben Meter im braunen Acker endete.

Meine blitzartigen Gedanken waren nur noch – Schei…! Wie komme ich da vorbei. Nehme die Kurve am besten ganz eng! Gedacht – getan! In dem Augenblick, als ich, wie früher gelernt, meinen rechten Skistock in den Schnee stieß, um linksseitig zum Schwung auszuholen, richtete sich die Dame auf und ich bemerkte an meinem rechten Skistock einen kleinen Widerstand, dachte mir nichts dabei und fuhr weiter.

Hinter mir hörte ich eine schreiende Frauenstimme, welche mehrmals den Satz „Die hat mir meine Zähne ausgeschlagen!“, gerufen hatte. Ich spürte diesen Druck in der Magengrube, welcher mir aus meiner Kindheit sehr bekannt vorkam. Immer dann, wenn ich etwas verbockt hatte, regte sich genau dieser stechende Seeigel in meinem Bauch. Und das war nicht selten.

In mir kämpften gut und böse gegeneinander. Der Feigling schrie mich an, das ich weiter fahren solle und die gute Seele rief mir zu, das ich schleunigst nach dieser Dame sehen muss. Die bessere Hälfte von mir siegte, ich blieb stehen, schlüpfte aus meiner Skibindung heraus und stampfte nach oben. Auf dem Weg zu ihr, malte ich mir schon ängstlich das folgende Szenario aus, das sie mich jetzt gleich, hier und jetzt umnieten wird.

Sie hingegen weinte und hielt sich ihre Hand vor den Mund und schrie mit zitternder Stimme: „Au weh, mein Zahn.! Oh nein! – Mein Zahn! – Mist! Der ist abgebrochen. Dieser blöde Skiurlaub. Ich wollte sowieso nicht hierher! Ist das alles bescheuert. Ich hasse Skifahren!“

Nachdem ich bei ihr angekommen war, sie mich zurecht aufs Übelste beschimpfte, konnte ich immer wieder nur beteuern, wie leid es mir täte. Ich habe tatsächlich beim Herausziehen meines Skistocks, genau mit der metallenen Skispitze ihren vorderen Schneidezahn erwischt und damit diagonal abgebrochen. Man bedenke, das es sich hier um etwa einen halben Quadratzentimeter Fläche handelt. Auf einer großen Piste mit vielen Menschen. Wem musste das passieren? Mir! Wahnsinn!

Mittlerweile kam auch mein Partner den Berg zu uns hinauf gestapft und wir nahmen ihre Daten zwecks Versicherung auf. (Jeder der schon einmal mit Skistiefel den Berg hinauf laufen musste, weiß wie anstrengend das ist) Ich verabschiedete mich nach gefühlten zwanzig, missachteten Entschuldigungsversuchen und fuhr mit einem elendigen Gefühl zu meinem, an der Mittelstation wartenden Vater, der mich mächtig zu Recht gewiesen hat.

In diesem Moment war ich SEIN Kind, welches im achtundzwanzigsten Lebensjahr steckte. Und ich fühlte mich auch wieder wie ein kleines Kind. Das wird sich auch nie ändern. Solange deine Eltern am Leben sind, so lange bleibst DU das KIND!

Es gibt einschneidende Momente im Leben, die können noch so lange her sein- du hast immer noch diesen situativen Wortlaut in den Ohren.

So wie auch jenen Augenblick in einem anderen, späteren Skiurlaub.

Ich musste zusehen, wie mein Sohn seine eigene Geschwindigkeit überschätzte, nicht mehr bremsen konnte und ein aufmerksamer Skifahrer die Situation der Kurve sofort erkannte, um sich ihm in den Weg zu stellen.

Die beiden sind dann zwar zusammen gestoßen, wäre jedoch dieser Mann nicht an diesem Platz gestanden um auf seine Freunde zu warten, wäre mein großer Sohn den dahinter liegenden Abhang hinunter gestürzt. Denn an dieser Stelle war die Absperrung umgeknickt und gab die Bahn frei für den mit Tannen bewachsenen Abgrund.

Diese Vorstellung schüttelt mich innerlich heute noch durch. An jener Stelle hätte ICH stehen müssen. Denn als erfahrene Skifahrerin müsste ich wissen, das ich für meine Kinder immer mitdenken muss. Gerade in den Bergen!

Mein Kamikaze Erlebnis aus vergangener Zeit ließ mich die nächsten Jahre lieber wieder nach Österreich reisen.

Bis zum ersten gemeinsamen Skiurlaub vor fünf Jahren, welchen ich mit meinem heutigen Mann erleben durfte. Zufälliger Weise verbrachte er seine Winterferien immer genau in diesem Gebiet.

Und er überzeugte mich, bis heute, das es einfach das Schönste und Größte Skikarusell weit und breit ist. Seit Jahren dürfen nun unsere Jüngsten gemeinsam mit uns die Hänge runter düsen. Wir spielen „Sausewind“, springen über kleine Schanzen und testen unsere Kräfte gemeinsam aus.

Heute lasse ich sie nicht mehr aus den Augen! Einer fährt immer voraus und der andere macht den Schlussmann- oder Frau.

Gröden – Wir kommen wieder! – Nächstes Jahr!